Das Nervensystem bei langer COVID-Erholung

Autorin: Tanja Walser

Leben im Dazwischen: Das Nervensystem bei langer COVID-Erholung 

Der Mai ist der Monat der psychischen Gesundheit – eine gute Gelegenheit, den engen Zusammenhang zwischen chronischen Erkrankungen und emotionalem Wohlbefinden zu beleuchten. Für Menschen, die sich in der Genesungsphase nach Long COVID befinden, wird die psychische Gesundheit oft nicht nur durch die Unvorhersehbarkeit der Symptome belastet, sondern auch durch Veränderungen im Nervensystem, die erst seit kurzem besser verstanden werden.

Long COVID spielt sich nicht nur „im Kopf ab“ – aber es wirkt sich auf erhebliche Weise auf das Gehirn und das Nervensystem aus. Forschungsergebnisse zeigen, wie postvirale Entzündungen und Störungen des Nervensystems zu Angstzuständen, geistiger Trägheit, Niedergeschlagenheit und emotionaler Fatigue führen können. Indem wir verstehen, wie das Nervensystem beeinträchtigt wird, können wir einfühlsamere und wirksamere Strategien entwickeln, um Körper und Geist bei der Genesung zu unterstützen.

Wie lange wirkt sich COVID auf das Nervensystem aus?

Einer der Gründe, warum Long COVID eine solche Herausforderung darstellt, ist, dass es oft mehrere Bereiche des Nervensystems betrifft – das zentrale, das autonome und das periphere Nervensystem. Schauen wir uns jeden einzelnen kurz an.

1. Zentrales Nervensystem (ZNS)

Das ZNS umfasst das Gehirn und das Rückenmark. Forschungen mit Hilfe von Neuroimaging zeigen, dass bei einigen Menschen mit langer COVID eine Neuroinflammation, Veränderungen der grauen Substanz und Veränderungen in Regionen, die mit Gedächtnis und Emotionen verbunden sind, auftreten. Dies kann helfen, Symptome wie:

  • Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme („Brain Fog“)
  • Stimmungsschwankungen oder schlechte Laune
  • Reizüberflutung (Licht, Lärm, Menschenmengen)

2. Autonomes Nervensystem (ANS)

Das autonome Nervensystem (ANS) steuert automatische Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung und Temperaturregulation. Bei vielen Menschen mit Long COVID kommt es zu einer Dysregulation dieses Systems – ein Zustand, der oft als Dysautonomie bezeichnet wird. Dies kann sich äußern in:

  • Herzklopfen oder Herzrasen (besonders im Stehen)
  • Schwindel oder Benommenheit (POTS-ähnliche Symptome)
  • Verdauungsprobleme
  • Schlafstörungen
  • Eine verstärkte oder anhaltende Stressreaktion

Dieser ständige Zustand der "Bedrohung" kann den Körper in einen vom Sympathikus dominierten Zustand versetzen, der die Heilung und Erholung erschwert.

3. Peripheres Nervensystem (PNS)

Auch wenn dies seltener thematisiert wird, kann auch das periphere Nervensystem betroffen sein. Manche Menschen berichten von Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühlen in den Gliedmaßen – ein Anzeichen für eine Neuropathie der kleinen Nervenfasern.

Warum die psychische Gesundheit oft beeinträchtigt wird

Wenn du feststellst, dass du dich ängstlicher, emotional ausgelaugt oder geistig erschöpft fühlst, bist du nicht allein – und du bildest dir das nicht nur ein.

Wenn das Nervensystem entzündet oder aus dem Gleichgewicht geraten ist, wird die Fähigkeit des Gehirns beeinträchtigt, die Stimmung zu regulieren, mit Stress umzugehen und Emotionen zu verarbeiten. Ihre inneren Ressourcen sind bis an ihre Grenzen beansprucht, und die üblichen Bewältigungsstrategien wirken möglicherweise weniger effektiv. Zu den Faktoren, die dazu beitragen, gehören:

  • Neuroinflammation, die mit Depressionen und kognitiven Veränderungen in Verbindung gebracht wird
  • Dysregulation von Cortisol und HPA-Achse, die Energie, Motivation und Belastbarkeit beeinträchtigen kann
  • Schlafstörungen, die die Gefühlsregulation und das Gedächtnis beeinträchtigen
  • Autonome Erregung, die das "Abschalten" oder Entspannen erschweren kann

Hinzu kommt die emotionale Belastung, mit einer chronischen Erkrankung zu leben, die von Teilen der medizinischen Fachwelt oder der Gesellschaft insgesamt immer noch missverstanden wird.

Das Nervensystem ist keine isolierte Struktur – es ist Teil eines dynamischen, anpassungsfähigen Systems, das auf Umwelt, Lebensstil, Traumata und Entzündungen reagiert. Um es zu unterstützen, bedarf es keiner Perfektion. Vielmehr geht es darum, dem Körper beständig Signale der Sicherheit, der Versorgung und der Regulierung zu vermitteln.

Im Folgenden werden evidenzbasierte Strategien vorgestellt, die die Erholung und Widerstandsfähigkeit des Nervensystems unterstützen können.

1. Arbeiten Sie mit, nicht gegen Ihr Nervensystem

Sich trotz Fatigue weiterzuzwingen, Symptome zu ignorieren oder zu versuchen, einen Zusammenbruch „durchzustehen“, geht oft nach hinten los. Nehmen Sie stattdessen das Konzept des „Pacing“ mit Selbstmitgefühl an. Das bedeutet:

  • Planung von Aktivitäten entsprechend Ihrem aktuellen Energieniveau
  • Ruhe ohne Schuldgefühle zulassen
  • Verfolgung von Mustern (Energie, Schlaf, Stressoren) im Laufe der Zeit

Viele Menschen empfinden tägliche Routinen und Vorhersehbarkeit als beruhigend für das Nervensystem – selbst wenn die eigene Belastbarkeit gering ist. Ein einfaches Ritual am Morgen oder vor dem Schlafengehen kann dem Tag Halt geben.

2. Unterstützung des Vagusnervs

Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des parasympathischen (Ruhe- und Verdauungs-)Zustands. Man kann sich nicht einfach willentlich in einen entspannten Zustand versetzen – aber man kann sanfte Signale senden, die dem Körper vermitteln, dass es sicher ist, sich zu entspannen. Zu den Techniken, die wenig Anstrengung erfordern, gehören:

  • Langsames Zwerchfellatmen(z. B. 4 Sekunden einatmen, 6–8 Sekunden ausatmen)
  • Summen, Sprechen oder Singen(aktiviert den Vagustonus)
  • Kaltes Wasser spritzt ins Gesicht(kurzzeitig und nicht besonders stark)
  • Gurgeln(stimuliert den Vagusnerv über die Halsmuskulatur)
  • Sichere soziale Kontakte, auch virtuell

Auch wenn diese Maßnahmen nur geringfügig erscheinen mögen, trainieren sie das Nervensystem im Laufe der Zeit auf ein reguliertes Grundniveau.

3. Sanfte somatische Praktiken

Somatische (körperorientierte) Ansätze können dabei helfen, Stress abzubauen und die Interozeption zu stärken – also Ihre Fähigkeit, innere Signale wahrzunehmen. Zu den Übungen, die sich an Ihr Energielevel anpassen lassen, gehören:

  • Erholsames Yoga oder Yoga Nidra
  • Körperscans und Erdungsübungen

Durch diese Praktiken wird der Körper von einem defensiven Zustand in einen Zustand der Offenheit und Reparatur versetzt.

4. Mikro-Momente der Sicherheit schaffen

Wenn Sie seit längerem mit verstärkten Warnsignalen leben – sei es körperlich oder emotional –, befindet sich Ihr Nervensystem möglicherweise in einem chronischen Zustand erhöhter Wachsamkeit. Selbst winzige Momente, in denen Sie sich sicher fühlen, können eine große Wirkung haben. Versuchen Sie Folgendes:

  • Sitzen im Sonnenlicht oder natürlichem Licht
  • Sich in eine weiche Decke wickeln
  • Hören von beruhigender Musik oder Naturgeräuschen
  • Betrachten von beruhigenden Bildern (z. B. Bäume, Meer, Haustiere)
  • Ansprechen der Sinne (z. B. ätherische Öle, Kräutertees)

Das sind keine „netten Extras“ – das sind Informationen. Du zeigst deinem Nervensystem, dass es sicher ist, einen Gang zu wechseln.

5. Resilienz sanft wiederherstellen

Bei der Regulierung des Nervensystems geht es nicht darum, sich schnell wieder zu erholen, sondern darum, im Laufe der Zeit Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Dazu kann Folgendes gehören:

  • Regelmäßige Schlaf- und Wachzeitenvorrangig behandeln (auch wenn der Schlaf unterbrochen ist)
  • Technikpauseneinlegen, um die Reizüberflutung zu verringern
  • Ein wenig Zeit inder Naturoder in einer natürlichen Umgebung verbringen
  • Sanfte Grenzensetzen, um Überforderung zu vermeiden

Suchen Sie nach kleinen, wiederholbaren Gewohnheiten, auf die sich Ihr Körper verlassen kann.

Der Körper erinnert sich, wie er heilt

Die Genesung von Long COVID ist komplex, doch der Körper ist nicht kaputt – er reagiert intelligent auf die überwältigende Belastung. Die Unterstützung des Nervensystems verspricht zwar keine sofortigen Ergebnisse, schafft aber die Grundlage für eine schrittweise und nachhaltige Heilung.

Im Rahmen des Monats der psychischen Gesundheit ist es wichtig zu erkennen, dass psychische Gesundheit auch körperliche Gesundheit ist – insbesondere bei Erkrankungen wie Long COVID. Die Pflege des Nervensystems ist ein wesentlicher Bestandteil der Genesung und kein optionales Extra. Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man zu kämpfen hat – dein Körper tut sein Bestes, um dich zu schützen.

Es gibt einen Weg nach vorn, auch wenn er kurvenreich ist.

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